Karlsruher Köpfe

HubschneiderDer gebürtige Schwabe Hans Hubschneider studierte ursprünglich Mathematik und Physik an der Universität Karlsruhe (heute KIT) und wechselte dann zum damals noch jungen Fach Informatik. Bei seiner Arbeit als Operator im Rechenzentrum fiel ihm auf, dass das Bauingenieurwesen etwa so viel Rechenzeit wie die theoretische Physik verschlang, und fahndete nach der Ursache.

Die Bauingenieure wiederum hatten gerade angefangen, das individuelle Fahrverhalten zu simulieren und suchten dafür dringend Informatiker. Der Fortgang der Geschichte erzählt sich daher fast von selbst: Verkehrswesen wurde als neues Nebenfach der Informatik eingeführt, Hubschneider stieg am Institut direkt in den Bereich Verkehrssimulation ein und modellierte in seiner Dissertation den Komplex »Fahrverhalten in der Stadt«, bis er schließlich gemeinsam mit Michael Sahling die PTV (damals als Planungsbüro Transport und Verkehr) gründete, die er von 1981 bis 2011 als Geschäftsführer, Vorstandssprecherund zuletzt als CEO leitete, und die mit mehr als 600 Mitarbeitern internationaler Marktführer auf dem Gebiet der »Planung und Optimierung von Mobilitätssystemen« ist. Doch inzwischen gilt seine Leidenschaft den erneuerbaren Energien und dem Netzwerk fokus.energie.

Sie hatten eine Stelle an der Universität Karlsruhe, aus welchem Anlass haben Sie sich dann entschlossen, die PTV zu gründen?

Hubschneider: Unser Know-how zur Verkehrsoptimierung stieß auch andernorts auf großes Interesse; die PTV haben wir 1979 für diese Anfragen gegründet. Parallel dazu haben wir zunächst weiter am Institut gearbeitet, aber nachts durften wir die Rechner für unsere eigenen Projekte laufen lassen. In den folgenden Jahren immer mehr Freunde und Kollegen aus dem Institut zur PTV, außerdem haben uns unsere Professoren sehr unterstützt. Die von uns entwickelte Simulationssoftware haben wir dann später dem Institut abgekauft. Zunächst haben wir uns aber auf die Felder Logistik und Transport konzentriert. Mit Verkehrsplanung und -simulationen haben wir erst wieder Mitte der achtziger Jahre begonnen. Dazu konnten wir dann unsere eigenen Modelle verwenden.

Solche Simulationen ergeben vermutlich übergreifend interessante und verallgemeinerbare Modelle für die Gesellschaft…

Hubschneider: Alles, was wir bei der PTV machen, zielt darauf, zu verstehen, wie Menschen agieren und wie sie Entscheidungen treffen, und dieses Wissen in Computermodelle umzusetzen. In der Verkehrsplanung zum Beispiel klassifizieren wir ausgehend von Merkmalen wie Wohnort, Beruf, Familienstand etc. wir das individuelle Verkehrsverhalten in relevante verhaltenshomogene Gruppen und können so Entwicklungen abschätzen. Man muss das Verhalten im Kleinen verstehen, um im Großen modellieren zu können, wie sich Pendlerströme zusammensetzen und wie Berufs- oder städtische Wirtschaftsverkehre aussehen. Für die Emirate konnten wie mit dieser Methode prognostizieren: Wenn Ihr so wachsen werdet, wie Ihr das vorhabt, könnt Ihr den Verkehr der Zukunft nicht mit einer sechs-, acht- oder zwölfspurigen Straße bewältigen; die Region braucht vielmehr ein Nahverkehrssystem mit S- und U-Bahnen, mit Straßenbahnen und einem Busnetz. Unsere Argumente haben überzeugt und unser Konzept wurde umgesetzt.

Verkehrsplanung war also schon immer Big Data.

Hubschneider: Natürlich. Wenn wir über ein Verhaltensmodell für Deutschland reden, dann handelt es sich dabei um Verkehrsbeziehungen zwischen 40.000 Zellen, wobei eine Zelle etwa 2.000 Einwohner umfasst. Tatsächlich geht man im Verkehrsbereich immer mit extrem vielen Daten um: Man baut Datengrundlagen anhand der Ergebnisse von Befragungen und Messungen, damit erstellt man ein Modell und gleicht dieses mit der Realität ab. Heute sammelt man möglichst viele Daten aus dem aktuellen Verkehrsgeschehen und baut darauf die Steuerung auf, um etwa Staustrecken durch großräumige Ampelsteuerungen oder Alternativrouten für die Navigationssysteme zu entlasten.

Seit 2011 haben Sie nun Ihren Schwerpunkt auf die »Erneuerbaren Energien« verlagert. Gibt es hier einen direkten Zusammenhang?

Hubschneider: Mein erster Kontakt mit der Energie kam tatsächlich über den Verkehr zustande: Ich habe ab 2010 in der »Nationalen Plattform Elektromobilität« mitgearbeitet. Dort konkurrierten zwei Studien zur Ladeinfrastruktur – die eine kam von der Automobilindustrie, die andere von den Energieversorgern. Wir als PTV wurden dann gebeten, aus den beiden sehr unterschiedlichen Ansätze ein integriertes Konzept für den Aufbau einer öffentlichen Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge zu entwickeln. Dabei habe ich viel über die ganz anderen Randbedingungen im Sektor »Energie« gelernt.

Aber die erneuerbaren Energien waren dann nicht der Grund, dass Sie die PTV verlassen haben.

Hubschneider: Nein, überhaupt nicht. Ich hatte mir schon lange vorgenommen, mit 60 noch etwas Neues anzufangen, und konnte das auch tun, da ich einen guten Nachfolger hatte. Ich bin dann in den Energiebereich eingestiegen, unter anderem in einem Think Tank des BDI* zum »Internet der Energie«, den ein Karlsruher Kollege (Professor Orestis Terzidis, KIT) leitet. Ein weiteres Engagement bei AVA-CO2 (das Unternehmen beschäftigt sich mit der hydrothermalen Karbonisierung von Biomasse) war dagegen aus einem privaten Investment entstanden. Dort heißt meine Rolle »External Affaires«, also insbesondere Kontaktaufbau zu Umwelt- und Genehmigungsbehörden sowie zu den Forschungs- und Innovationsförderern. Darüber bin ich dann auch in Verbindung zu KIC InnoEnergy gekommen, einer europäischen Initiative zur Innovationsförderung im Energiebereich. So habe ich mich noch stärker mit dem Thema Energie auseinandergesetzt und hatte (und habe) das Vergnügen, ganz viel Neues zu lernen. Das war für mich persönlich die absolut richtige Entscheidung, ich konnte mir ein ganz neues Feld erarbeiten und gleichzeitig auf vieles zurückgreifen, denn im Grunde kann man auch Energieflüsse wie den Verkehr modellieren.

Inzwischen haben Sie bei KIC InnoEnergy eine entscheidende Rolle in der Innovationsförderung eingenommen.

Hubschneider: Naja, ich bin im Aufsichtsrat des EIT, dem Europäischen Institut für Innovation und Technologie und vertrete dort unter anderem das KIC InnoEnergy – es gibt jedoch noch weitere solcher KICs (Knowledge and Innovation Communities) in anderen Segmenten. Das europäische Unternehmen KIC InnoEnergy investiert in Innovationen im Energiesektor und will damit ein nachhaltiges Energiesystem für Europa unterstützen. Die EU reagiert mit diesem Konzept auf die Erkenntnis, dass wir im weltweiten Vergleich zu wenig für die Innovationsförderung tun. In Europa bringt nun das KIC InnoEnergy sein Beziehungsnetzwerk ein, um Projekte und Gründungen gemeinsam mit ihren Initiatoren weiter zu entwickeln und Unternehmen mit neuen Produkten in die Märkte zu helfen. Im Energiebereich handelt es sich ja fast immer um substanzielle Investitionen: Eine Demo-Anlage kann schon mal mehrere Millionen Euro kosten, das kann ein kleines und junges Unternehmen nicht so einfach leisten. Noch dazu ist der Energiemarkt reguliert und jede Art von Innovation ist auf Kooperation angewiesen. In unserem Partnernetzwerk sind viele große Energieunternehmen als Gesellschafter beteiligt und so bekommen junge Unternehmen Zugang zu diesem Netzwerk.

Innovationsförderung interessiert Sie schon lange, Sie sind ja auch seit mehr als 15 Jahren Beiratsvorsitzender in der Karlsruher Technologiefabrik, in der junge Unternehmen in der Anfangsphase eine Heimat bekommen. Außerdem haben Sie nun die Organisation fokus.energie gegründet. Was bezwecken Sie mit diesem Netzwerk?

Hubschneider: Ein bisschen nach dem Vorbild des Cyberforums haben wir vor etwa einem Jahr ein neues Energie-Netzwerk gegründet, das die Ziele verfolgt, mehr Aufmerksamkeit für unsere Energiekompetenz zu gewinnen, Gründer aus der Region zu fördern und den Austausch und das effiziente Zusammenspiel der Player aus Wirtschaft, Forschung und Politik zu unterstützen. Es dient damit der Förderung unseres regionalen EnergieClusters, um hier neue Technologien im Bereich erneuerbarer Energien zu entwickeln. Mit gebündelten Kräften stärken wir die Region Karlsruhe und erhöhen wir deren Sichtbarkeit. fokus. energie hat inzwischen schon mehr als 50 Mitglieder und die wesentlichen Institutionen an Bord. Das Thema bewegt sich und wächst: Dieses Energie-Netzwerk ist gerade meine Hauptbeschäftigung.

Sie haben sich also vollständig der Innovationsförderung und den Netzwerken verschrieben, vermissen Sie nie die IT?

Hubschneider: Nein, denn die IT ist eine der Grundlagen, auf der alle Technologien aufbauen. Deswegen habe ich damit dauernd zu tun. Doch wenn man viele Leute kennt und so lange Jahre so viele Beziehungen geknüpft hat und diese weiter aufbauen und pflegen kann, sieht man, dass man etwas bewegen kann. Die Kunst besteht darin, Dinge zueinander in Beziehung zu setzen und Menschen zusammenzubringen. Die PTV hat sich immer dort besonders gut entwickelt, wo wir Dinge neu verknüpft haben, die vorher nichts miteinander zu tun hatten: Als wir mit der Verkehrsplanung begonnen haben, gab es auf der einen Seite die Planer für den Autoverkehr und auf der anderen Seite die Planer für den Bus- und Straßenbahnverkehr. Wir haben das erste System gebaut, in dem man integriert planen konnte. Und die Erfahrungen aus solchen integrierten Planungssystemen kann man auf weitere Branchen übertragen.

Und was sagen Sie jemandem, der darüber klagt, dass die Stromkosten wegen der EEG-Umlage höher geworden sind?

Hubschneider: Statt zu klagen, dass wir pro Jahr 50 Euro mehr Stromkosten haben, sollten wir das große Ganze betrachten: Inzwischen haben auch die Entwicklungs- und Schwellenländern echte Alternativen zur Atomkraft und zur Kohle- und Gaskraftwerken. Draußen in der Welt sieht man, dass Deutschland mit dem EEG die entscheidenden Investitionen in Windenergie und Fotovoltaik angestoßen hat – und sonst niemand. Wir haben damit eine Entwicklung auf den Weg gebracht, die die Welt ver- ändert. Wir sollten darauf stolz sein.

Vielen Dank für das Interview, Herr Hubschneider. (Susann Mathis)

Klaus Tschira
(c) Tim Wegner

Ein Nekrolog beginnt naturgemäß mit dem Ende: Tschira starb am 31. März 2015 unerwartet an einem Herzinfarkt. Doch sein Schaffen und nicht zuletzt seine Stiftungen werden ihn noch lange überdauern. Nach Abitur und Physik-Studium in Karlsruhe arbeitete der 1940 in Freiburg geborene Tschira von 1966 bis 1972 als Systemberater bei IBM in Mannheim. 1972 war Tschira einer der fünf Gründer der Systemanalyse und Programmentwicklung GbR in Weinheim, aus der 1988 die SAP AG hervorging. 26 Jahre später wechselte er in deren Aufsichtsrat. Seit diesem Rückzug aus dem SAP-Tagesgeschehen war Tschira als Mäzen und Förderer tätig. Der Wein- und Musikliebhaber und zweifache Familienvater kochte gerne, so kann man lesen, und ließ anscheinend nie jemanden im Regen stehen. Sein unerwarteter Tod rief viele bestürzte Reaktionen hervor. Bewundernde, liebevolle und traurige Nachrufe haben sein Leben, seine Leistungen und seine Persönlichkeit ausführlich gewürdigt, im Folgenden zitieren wir einige Auszüge: 

Der Software-Milliardär:

David Jolly, New York Times: »Klaus E. Tschira, whose pioneering role in the business software revolution made him one of Germany’s richest men, died on Tuesday in Heidelberg. He was 74. (…) »We wanted to develop the software within IBM,« Hasso Plattner, one of Mr. Tschira’s colleagues at the time, said in an interview. »But the conditions weren’t right. Management probably didn’t see the potential.« (…) So Mr. Tschira, Mr. Plattner and three other colleagues — Dietmar Hopp, HansWerner Hector and Claus Wellenreuther — left IBM to develop the software on their own. They formed a company called SAP, short for Systems, Applications and Products in Data Processing. (…) »We had no computer of our own, so we had to work on customers’ computers, usually at night,« Mr. Plattner said. »That was stressful.« (…) Though it was »a team effort,« Mr. Plattner said, Mr. Tschira played a major role in developing all three of those products and led the development of software used by human resources departments to manage hiring, payroll processing and employee records.«

Der Kommunikator:

Bei der Gründung des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation (NaWik) sagte Klaus Tschira am KIT: »Ich bin fest davon überzeugt, dass die Wissenschaft eine Bringschuld hat, der Öffentlichkeit ihre Erkenntnisse und Denkweisen näherzubringen.« Prof. Dr. Carsten Könneker, Chefredakteur Spektrum der Wissenschaft schreibt: »... gründeten die Klaus Tschira Stiftung und das Karlsruher Institut für Technologie 2012 das NaWik, dessen Kooperationspartner von Beginn an der Verlag Spektrum der Wissenschaft war. Auch wenn ihm Wertschätzung für Wissenschaft sehr am Herzen lag, war Klaus Tschira nicht darauf aus, die Gesellschaft aus allen Kanälen gleichsam mit Forschung zu beschallen. Marketing und eine überzogene Darstellung von Errungenschaften der Wissenschaft, wie sie regelmäßig zu lesen, zu hören und zu sehen sind, waren sein Ding nicht.«

Der Astronom:

Wegen seines Engagements im Rahmen der Entwicklung des Kleinsatelliten DIVA wurde im Jahr 2000 ein Asteroid nach ihm benannt. Markus Pössel, www.haus-der-astronomie.de, schreibt: »Klaus Tschira saß stets ein jungenhafter Schalk im Nacken. Unumwunden erzählte er jedem, wie er als Schüler von seinen Karlsruher Klassenkameraden »Planetenheini« gerufen wurde, weil er sich brennend für Astronomie und Naturforschung interessierte. Wohl auch aus dieser Erfahrung heraus setzte sein späteres Engagement für die Wissenschaftskommunikation bereits im Kindergarten an. So gründete er die Forscherstation, welche bereits viele Erzieher sowie Grundschulpädagogen fortbildete (...) Doch er baute auch gerne: »Etwa das spektakuläre Haus der Astronomie am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, welches der Spiralgalaxie M51 nachempfunden ist. Oder – ganz aktuell – die »ESO Supernova« in Garching, die 2017 eröffnet werden soll.«

Der Gründer und Mäzen:

Bereits 1995 hatte Tschira die Klaus Tschira Stiftung in Heidelberg gegründet, die sowohl Schüler für Naturwissenschaften und Informatik begeistern als auch Spitzenforscher unterstützten sollte. Sie ist bis heute eine der größten Stiftungen Deutschlands. Später kam das European Media Laboratory als Institut für angewandte Informatik hinzu. »Klaus Tschira war ein Mäzen, der seine lebenslange Leidenschaft für die Naturwissenschaften in unzählige Projekte gegossen hat«, sagte Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne). Er sei stets unprätentiös und auf die Sache konzentriert gewesen. »Wir sind ihm zu großem Dank verpflichtet. Seine prägenden Beiträge für die Wissenschaft werden wir sehr vermissen«, sagte Bauer. Seinem finanziellen Engagement ist es beispielsweise zu verdanken, dass das Deutsche Museum den Nachlass von Konrad Zuse erforschen kann, den Tschira der Familie Zuse abgekauft hatte. Mit der Gerda und Klaus TschiraStiftung kaufte er dem Freistaat Sachsen die Wilhelm-OstwaldGedenkstätte ab, um sie als »Denkstätte« für Biologen und Chemiker zu betreiben.«

Dietmar Hopp sagte über seinen verstorbenen Freund: »Auch in kritischen Phasen verlor er nie den Blick für das Wesentliche und Aufgeben war nie eine Option für ihn – das hat ihn für uns alle so wertvoll gemacht.«

Susann Mathis

wilfried_stuckyAlles begann, als Professor Stucky den Stiftungslehrstuhl für Organisationstheorie und Datenverarbeitung (Mittlere Datentechnik) in Karlsruhe übernahm. Inzwischen sind 40 Jahre vergangen, in denen Professor Stucky das AIFB mit gründete und eine so große Zahl wirksamer Aktivitäten initiierte, dass er dafür (nicht nur) das Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse bekam. Obwohl inzwischen emeritiert, arbeitet er nicht weniger. »Mein Hobby ist mein Beruf«, sagt er dazu nur. Dem VKSI Magazin stand er trotzdem für ein Interview zur Verfügung.

Herr Professor Stucky, Sie haben in Saarbrücken Mathematik studiert, wie sind Sie in den 60er Jahren zur Informatik gekommen?
Stucky: Den Kontakt zur Informatik stellte ich schon während meiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für angewandte Mathematik her. Mein Doktorvater, Professor Hotz, war einer der Gründer der Gesellschaft für Informatik (GI) und nahm gleich alle seine Mitarbeiter in diese Gesellschaft mit. Daher habe ich auch eine sehr niedrige, nämlich zweistellige Mitgliedsnummer.

Wie kamen Sie nach Karlsruhe?
Stucky: In den 1970er Jahren arbeitete ich mehrere Jahre als Biometriker in der pharmazeutischen Industrie, erst bei Böhriner, dann bei Merck. Parallel dazu übernahm ich dann im August 1971 nebenamtlich die Leitung des Stiftungslehrstuhls für Organisationstheorie und Datenverarbeitung (Mittlere Datentechnik) in Karlsruhe. Fünf Jahre später wurde ich zum Lehrstuhlinhaber der Angewandten Informatik 2 berufen, nachdem 1975 der Lehrstuhl, nach einigen Verzögerungen, vom Land übernommen worden war

Im Februar kommenden Jahres feiert das AIFB seinen vierzigsten Geburtstag, es entstand also noch vor der Fakultät für Informatik, und zwar im Bereich Wirtschaftswissenschaften, der damals noch zur Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften gehörte. Wie kam es dazu?
Stucky: Als seine Vorläufer gelten zwei Lehrstühle: der zunächst von Professor Heinrich und ab 1971 von mir besetzte Stiftungslehrstuhl für Organisationstheorie und Datenverarbeitung (Mittlere Datentechnik) und der ab 1971 mit Professor Maurer besetzte Lehrstuhl Angewandte Informatik. Auch wenn wir damals noch nicht ahnen konnten, wie wichtig die Informatik einmal werden würde, hatten wir durch unserer Beschäftigung mit Datenverwaltung und Datenbanksystemen einen großen Bedarf analysiert, nicht die speziellen Systeme eines Softwareherstellers, etwa von IBM, zu lehren, sondern die zugrundeliegenden Konzepte und Modelle allgemein. Dazu gehören die Modellierung von Daten und die Prozessmodellierung mit formalen Methoden. Aus diesen Vorlesungen entstand dann auch das Buch »Datenbanksysteme: Konzepte und Modelle«, das Gunter Schlageter und ich gemeinsam veröffentlicht haben. Wir sind das Informatik-Institut der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften. Die Rolle des AIFB sehen wir darin, dass wir unseren Studentinnen und Studenten vor allem die grundlegenden Konzepte der Informatik nahebringen; und das trifft auch heute noch den Kern.

Sie waren zweimal Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, Sie waren im Senat und Verwaltungsrat der Universität Karlsruhe, Sie waren im Präsidium der Gesellschaft für Informatik, zeitweise sogar deren Präsident, Sie nehmen vielfältige Ämter für die GI in verschiedenen Organisationen wahr. Außerdem haben Sie den gemeinnützigen Verein Angewandte Informatik Karlsruhe e.V. (AIK), gemeinsam mit Absolventen und Mitarbeitern des 6 VKSI Magazin Nr. 5 November 2011 Instituts AIFB gegründet und sind seither dessen Kuratoriumsvorsitzender. Dazu kommen Berufungskommissionen, Evaluierungsgremien und vieles mehr. Doch die Liste allein sagt noch nicht viel darüber aus, wie stark Sie gestaltend gewirkt haben, was nicht zuletzt durch das Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse honoriert wurde. Seit Ende der 1990er Jahre sind Sie auch am Forschungszentrum Informatik, inzwischen zum wiederholten Male in dessen Vorstand. Was ist das Besondere am FZI für Sie?
Stucky: Das Forschungszentrum Informatik ist insgesamt eine umfassende Erfolgsgeschichte, inzwischen seit über 25 Jahren. Doch unser ganz herausragendes Alleinstellungsmerkmal ist die gelebte Interdisziplinarität. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von etwa 20 Professoren aus vier verschiedenen Fakultäten des KIT arbeiten tatsächlich im gleichen Gebäude und treffen sich nicht nur zum Meeting, sondern begegnen sich ganz bequem, etwa zum Kaffeetrinken. Diese enge Zusammenarbeit realisiert eine wahre Interdisziplinarität bei unseren Projekten.

Im August dieses Jahres war sie mit dem Vorstandskollegen Michael Flor und Ihrem Nachfolger Professor Oberweis zehn Tage lang in China. Was macht das FZI in China?
Stucky: Wir waren auf Einladung von D-Phone, Chinas größter Handyfirma, und BIT, dem Beijing Institute of Technology, in China. Professor Shenqing Yang, mein erster chinesischer Doktorand, hat nach seiner Rückkehr nach China den Kontakt aufrechterhalten und über die Jahre weitere Partner einbezogen. Das Thema unseres diesjährigen Besuches war die Einrichtung einer deutsch-chinesischen Informatikindustriezone. Das Interesse auf chinesische Seite ist daran sehr groß. Außerdem interessiert sich das BIT sehr für das »Konzept FZI« als Grundlage einer stark anwendungsorientierten Forschung. Für uns ging es bei diesem Besuch um die Frage, inwieweit wir uns eine Zusammenarbeit auch vorstellen können. Denn eines ist sicher: wir treffen in China auf sehr viele junge intelligente und gut ausgebildete Menschen. Nicht nur unter diesem Aspekt kann die Zusammenarbeit mit China für uns vielversprechend sein.

Professor Stucky, Sie sind emeritiert, doch Sie reisen nach China, Sie haben verschiedene Projekte unter Ihrer Regie, wie zum Beispiel E-Business für Dienstleistung bei Instandhaltung oder auch auf EU Ebene ein Projekt zu und Bewertung von Qualifizierungen. Die Frage nach Ruhe erübrigt sich also, sagen Sie uns also lieber: was haben Sie als nächstes vor?
Stucky: Es ist wahr, ich bin kein Skifahrer und kein Tennisspieler. Aber meine Frau und ich wandern gerne. Außerdem besuchen wir gerne Konzerte und die Oper. Für dieses Hobby begeistern wir zunehmend auch unsere beiden Enkelinnen, die 10 und 12 Jahre alt sind. Aber das sind noch keine Gründe, mich weniger mit der Informatik zu beschäftigen. Wer weiß, vielleicht bringe ich auch noch die dritte Auflage unseres Buches über Datenbanksysteme heraus. Professor Stucky, herzlichen Dank für das Gespräch.

gerhard_goosAutor: Matthias Grund

Am 22. Februar 2011 wurde Professor Gerhard Goos mit einem Festakt als Direktor des FZI verabschiedet. Goos ist einer der Gründerväter der deutschen Informatik. Somit markiert sein Abschied auch das Ende der Gründungsepoche der noch jungen Wissenschaft Software Engineering.

Der 1937 in Nürnberg geborene Goos promovierte 1965 in Mathematik an der Universität Erlangen wurde danach Assistent und Oberassistent beim 13 Jahre älteren Friedrich L. Bauer. Die beiden, Bauer und Goos, prägten als »Bauer/Goos« (das Standardlehrbuch) für mehr als eine Generation deutscher Informatikstudenten.

1970 wurde Goos auf ein Ordinariat, zunächst noch in der Fakultät für Mathematik, in Karlsruhe berufen. Seine Aufgabe: Strukturierung und Fortentwicklung der Informatik aus den in Karlsruhe bestehenden zahlreichen Anfängen. 1972 konnte dann die Fakultät für Informatik in Karlsruhe, als die erste Deutschlands, gegründet werden.

Als Gerhard Goos im November 2006 an der Universität verabschiedet wurde, erinnerte sich sein Kollege Peter Lockemann an eine turbulente Zeit: »… den einst äußerst unkonventionellen Weg des BMBF, das bei der Karlsruher Fakultät für Mathematik anrief und fragte, ob sie zur Gründung der Informatik sechs Lehrstühle haben möchte. Bereits 14 Tage vor seinem Stellenantritt in Karlsruhe wurde Professor Goos zum Vorsitzenden der Berufungskommission ernannt, die innerhalb von drei Jahren sechs Lehrstühle besetzen sollte.«¹ Als erster Institutsleiter der Karlsruher Informatik war Goos, wie er im Laufe der Festveranstaltung selbst einräumte, »heilfroh, als die Fakultät dann schließ- lich gegründet war« und er sich wieder seinem wissenschaftlichen Forschungsschwerpunkt, dem Übersetzerbau, zuwenden konnte.

1983 übernahm Goos ein Institut an der damaligen Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung, von 1986-1991 war er Mitglied im Vorstand der Gesellschaft. 1984 gehörte er zu den Gründervätern des FZI.

Hinter den dürren Zahlen, die seine Vita markieren, verbirgt sich ein gewaltiges Lebenswerk. Goos war nicht nur ein wichtiger Impulsgeber und Motor für zahlreiche Forschungseinrichtungen und wissenschaftliche Institutionen, er war vielgelesener Autor und Koautor zahlreicher Publikationen, er hat sich um die Ausbildung mehrerer Generationen von Informatik-Absolventen verdient gemacht. Aus seinen Instituten sind zahlreiche hervorragende SoftwareIngenieure, Professoren und IT-Manager hervorgegangen.

Dass die Karlsruhe nicht nur wissenschaftlich, sondern auch industriell zu den weltweit wichtigsten Informatikregionen gehört, haben wir auch Gerhard Goos zu verdanken. Goos wurde nun zwar als Direktor des FZI verabschiedet. Karlsruhe muss aber künftig nicht auf seinen Rat verzichten: Für ihn wurde am FZI der Titel eines »Direktor emeritus« geschaffen.

Zum guten Schluss erlaube ich mir noch einige persönliche Sätze: In den frühen 80er Jahren hörte ich, als Student der Physik, eine Vorlesung von Professor Goos zur Programmiersprache Prolog. Ich brauchte keine Bescheinigung, ich wollte keine Prüfung machen, ich hatte kein Gebrauchs-Interesse an dem Vorlesungsinhalt, es hat mich einfach interessiert. Es war eine der anregendsten Vorlesungen, die ich in meiner Studienzeit gehört habe. Und ich habe kurz danach dann mein Berufsleben nicht als Physiker begonnen, sondern mit der Programmierung von Prolog- und Lisp-Anwendungen. Über zwanzig Jahre später, schon Vorstand der andrena objects, traf ich Goos wieder, bei einer Jahresfeier der Fakultät. Wir standen beide vor der Türe, im Freien. Goos rauchte eine Zigarette, ich rauchte eine Zigarette. Ich eröffnete Goos, dass er verantwortlich dafür ist, dass es die andrena gibt, weil ich vor vielen Jahren seine Vorlesung gehört habe und er mich, als Physiker, für die Informatik begeistert hat. Goos knurrte nur auf fränkisch: »Und, haben Sie das bereut?« Nein, lieber Herr Professor Goos, Danke für Alles!